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Auf relativ freien Autobahnen, die außerhalb der Ferienzeit sehr hohe
Geschwindigkeiten zulassen, wird durch eine hohe Reisegeschwindigkeit mehr Zeit
eingespart, als man meist vermutet. Bei einem Reisedurchschnitt von 180 km/h
werden 100 km in 33 Minuten zurückgelegt; bei 120 Schnitt braucht man 50 min. Auf
einer Strecke von 300 Kilometern werden also mit einem 180 km/h fahrenden Wagen
gegenüber einem Schnitt von 120 km/h nicht weniger als 50 min eingespart, und für
400 km sogar weit mehr als eine volle Stunde.
Noch viel wichtiger sind aber unter den heutigen Verkehrsverhältnissen die
Beschleunigungen, die bis zu einem gewissen Grade in einem mehr oder weniger
festen Verhältnis zur Höchstgeschwindigkeit stehen. Ein Wagen mit einer
Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h beschleunigt nach einer z. B. durch einen
anderen Wagen verursachten Verzögerung von 110 auf 140 km/h in 20 bis 25
Sekunden; betragt die Spitze 200 km/h, sinkt die Beschleunigungszeit auf 7 bis 8
Sekunden, und wenn sie um 250 liegt, braucht der Wagen von 110 bis 140 km/h nur
noch ca. 4 bis 4½ s!
Wir hatten im Laufe der Letzten zwei Jahre die Möglichkeit, mit vielen der
heutigen Wagen zu fahren, deren Höchstgeschwindigkeit klar über 200 km/h liegt,
mit einigen von ihnen sogar Strecken von mehreren tausend Kilometern
zurückzulegen, so daß eine Beurteilung ihrer Eigenschaften, ja ein Vergleich
zwischen ihnen naheliegt. Da es aber ebenso unfair wäre, bequeme und doch
schnelle Reisewogen hinsichtlich ihrer Fahrleistungen mit leichten
Sportzweisitzern mit nur beschränktem Gepäckraum zu vergleichen, wollen wir uns
in dieser Arbeit nur mit solchen Wagen befassen, die zwar über 200 km/h laufen,
ober doch vier Personen ausreichend Platz bieten. Sie sind hier in der
Reihenfolge des den Fahrgästen gebotenen Raums aufgezahlt:
Jaguar Mark 10, 4,2 Liter
Mercedes-Benz 300 SE
(mit 3,75:1 Achse)
Maserati ,,Quattroporte”,
4,2 Liter
Iso-Rivolta 5,3 Liter
Gordon-Keeble 5,3 Liter
Ferrari 330 GT, 4 Liter
Aston-Martin DB 4 Vantage GT,
3,7 Liter
Erstaunlich dürfte erscheinen, daß in der Aufstellung kein amerikanischer Wagen
figuriert, nicht einmal ein Ford Mustang. Unserer Erfahrung nach läuft aber kein
einziger Amerikaner in Normalausführung ehrliche 200, obwohl von fast allen
Werken Spezialausführungen oder Frisierausrüstungen angeboten werden, die es
ermöglichen, weit höhere Geschwindigkeiten zu erreichen, dann aber weitgehende
Änderungen an der Aufhängung und an den Bremsen voraussetzen.
Sowohl nach unserer Erfahrung als auch auf Grund der von verschiedenen Seiten
veröffentlichten Testes werden echte 200 km/h auch von einem Rolls-Royce oder
einem Bentley nicht ganz erreicht, so daß, wenn man sich auf Werksangaben
verlassen kann, in der Aufstellung nur zwei Wagen fehlen, die ganz oben in der
Aufzählung figurieren
müßten: der Mercedes 600 als Nummer
1 und der Opel Diplomat
mit Handschaltung, der zwischen dem Jaguar Mark 10 und dem Mercedes-Benz 300
SE eingegliedert werden müßte. Aber ihrem Charakter nach gehören beide Wagen
sowieso kaum in diesen Vergleich von Wagen hauptsächlich sportlicher Tendenz
oder wenigstens Abstammung, so daß unsere Liste als ziemlich vollständig
angesehen werden kann.
Eigentlich müßte die Liste noch einmal in eine Gruppe schneller Reisewagen, die
nur den Jaguar Mark 10, den Mercedes 300 SE und vielleicht den Maserati (die
alle vollwertige 4 bis 5-Sitzer mit 4 Türen sind) umfassen würde, und eine
Gruppe für ausgesprochen sportliche Tourenwagen unterteilt werden. Man kann sich
wohl vorstellen, daß, war die luxuriösen Fondsitze des Jaguar für sich selbst,
seine Familie oder für Repräsentationszwecke braucht, den
Aston-Martin z.B., in dem man hinten eng sitzt, und auch dann nur,
wenn die Fondsitze so weit nach vorn eingestellt sind, daß der
Fahrer viel zu nah am Lenkrad ist, überhaupt gar nicht in Betracht
ziehen kann.
Als vollwertige, viersitzige Luxuswagen — beim Jaguar kann man sogar
mit Bestimmtheit Fünfsitzer Sagen — haben die drei ersten Wagen
auch vier Türen, und keiner von ihnen wiegt weniger als 1550 kg. Um
so erstaunlicher ist es, daß der Mercedes mit nur 3 Liter Hubraum
sich unter diesen, über 200 laufenden Autos behaupten kann und
dennoch ein äußerst kultivierter Wagen bleibt. Der Jaguar Mark 10
ist
nicht so sehr für seine 4,2 Liter-Maschine als für seine Größe und
sein Gewicht von 1800 kg (vollgetankt) erstaunlich schnell, was,
nebenbei gesagt, auf eine gute Stromlinie schließen lässt. Zwar bat
er einen Zweinockenwellenmotor, aber der lange Hub von 106 mm setzt
seiner Drehzahl bei 5500 U/min eine Grenze, und auf der Autobahn
verhindert ein Overdrive, daß 4700 U/min überschritten werden, was
einer Geschwindigkeit von 203 km/h entspricht. Da jedoch die
Nennleistung bei 5400 U/min liegt, muß man annehmen, daß mit einer
kürzer übersetzten Hinterachse eine noch höhere Spitze erreicht
werden könnte, die allerdings auf Kosten der Reisegeschwindigkeit
ginge.
Die angenehme Autobahngeschwindigkeit des Jaguars liegt bei 180
km/h, einer Geschwindigkeit, bei welcher der Motor ca. 4300 U/min
läuft und der ganze Wagen außerordentlich ruhig ist: der Motor ist
kaum zu hören, die Windgeräusche sind niedrig (und waren noch
geringer, wenn der Wagen, wie der Mercedes, in der Karosserie
Luftauslasse hätte, die es ermöglichen, mit ganz geschlossenen
Fenstern zu fahren), und die Spurhaltung bereitet überhaupt kein
Problem. Was die Laufruhe angeht, ist der Jaguar bei hoher
Geschwindigkeit dem Mercedes 300 SE überlegen, dessen Maschine bei
180 km/h auch mit der ,,langen” Hinterachse immerhin ca. 5500 U/min
dreht. Die Laufruhe des Mark 10 ist bei jeder Geschwindigkeit
hervorragend, ja unseres Erachtens der eines Rolls-Royce ebenbürtig. Bei normaler
Belastung bietet er, der die gleiche Hinterachskonstruktion hat wie der Typ E,
einen Fahrkomfort, der dem des luftgefederten Mercedes unbedingt gleichzusetzen
ist, und das gleiche gilt auch für die Fahreigenschaften und für die Kurvenlage,
die für ein so großes und schweres Auto ganz hervorragend sind.
Beide Wagen haben eine sehr gute Servolenkung und unproblematische Servo-Scheibenbremsen
mit doppeltem Kreislauf; das neue Jaguar-Vollsynchrongetriebe schaltet sich,
unseres Erachtens, eher angenehmer als das Daimler-Benz-Getriebe und ist auch
viel zweckmäßiger abgestuft, aber wir haben keine Liebe für den Overdrive, der
störungsanfällig ist und der durch einen vom normalen Schalthebel getrennten
Schalter betätigt werden muß. Ein normaler fünfter Gang, wie er von Daimler-Benz
im auf Wunsch gelieferten ZF-Getriebe angeboten wird, ist uns viel lieber. Beide
Wagen werden auch mit einer automatischen Kraftübertragung geliefert, laufen
aber dann nicht mehr ganz 200 km/h.
In ihren Fahrleistungen stehen die beiden Wagen ungefähr auf einer Ebene, und
obwohl der Jaguar, der einen bequemen zusätzlichen Fond- platz und mehr
Gepäckraum bietet, in seinen Fahreigenschaften dem Mercedes mindestens
ebenbürtig, bei Nässe wahrscheinlich überlegen ist, eignet sich der letztere für
eine sportliche Fahrweise doch besser, hauptsächlich weil er für schnelle
Kurvenfahrten viel bessere Frontsitze hat und wegen seiner bedeutend geringeren
Außenabmessungen und seines um ca. 2000 kg geringeren Gewichtes doch etwas
wendiger ist.

Während der Dreiliter-Sechszylinder-Einspritzrnotor
des
Mercedes-Benz 300 SE
mit seiner einzelnen
obenliegenden Nockenwelle 170 Ps bei
5400 U/min
abgibt,
sind es beim Doppelnockenwellen
4,2 LiterSechszylinder des
Jaguar (unteres Bud)
bei gleicher Drehzahl 265 PS. Die beiden
repräsentativen Limousinen, beides echte
Fünfsitzer, wiegen leer 1565 (Mercedes-Benz)
bzw. 1880 kg
(Jaguar Mk 10).
Der viertürige 4,2 Liter-Maserati beansprucht ungefähr die gleiche Bodenfläche
wie der Mercedes. Von einer durch ihre Rennwagen berühmt gewordenen Firma als
sehr schneller Luxuswagen entworfen, dürfte er seine volle Reife noch nicht
erreicht haben, ist aber wahrscheinlich die schnellste serienmäßige (wenn man
bei einer Produktion von ca. 5 Wagen in der Woche von einer Serie reden kann)
viertürige Limousine der Welt. Trotz aller Anstrengungen seines Konstrukteurs
Giulio Alfieri kann der Maserati seine sportliche Abstammung aber nicht
verleugnen, und wenn er auch sehr bequem ist, ist er doch strammer gefedert als
der Mercedes oder der Jaguar, und ist auch nicht — vielleicht müßte man sagen
noch nicht — so kultiviert. Sein Viernockenwellen V8-Motor ist etwas rauher, und
es gelangt vom Motor und von der Straße her mehr Geräusch in den Fahrgastraum
als in den zwei anderen Wagen. Dafür ist er ihnen aber in seinen Fahrleistungen
überlegen. Das Exemplar, für welches die Beschleunigungswerte gemessen wurden,
hatte eine auf Wunsch lieferbare kürzere Hinterachsübersetzung als serienmäßig
eingebaut (3,56 statt 3,31 :1), war aber dafür mit der ziemlich schweren, auf
Wunsch gelieferten Klimaanlage ausgerüstet, deren Kompressor obendrein noch
einige PS frißt. Mit dieser Übersetzung dürfte der Wagen nur unbedeutend
langsamer sein als mit der normalen. Dafür wird aber die Dauergeschwindigkeit,
die einer Drehzahl von nicht über 5000 U/min entsprechen soll, im V. Gang des
ZF-Getriebes von ca. 215 auf ca. 200 km/h herabgesetzt. Die
Höchstgeschwindigkeit dürfte bei 225 km/h liegen.
In einem Luxuswagen, in dem übrigens elektrisch betätigte Seitenfenster
serienmäßig sind, könnte man sich hinten etwas mehr Knie- und Fußraum wünschen,
aber der Koffer. raum entspricht den Anforderungen die man an einen Wagen dieser
Klasse stellen kann. Unser Testwagen war nicht mit der auf Wunsch lieferbaren
ZF-Servolenkung ausgerüstet, auf die wir für einen solcher schnellen, ca. 1700
kg wiegenden Wagen auf keinen Fall verzichten möchten, denn 5 1/2 Lenkradumdrehungen sind — wenn auch der Wendekreis gut ist — für ein über 20 km/h schnelles
Auto viel zu viel. Eine automatische (Borg-Warne Kraftübertragung ist übrigens auch
für diesen Wagen lieferbar. 7,8 s
Für unsere Begriffe untersteuert der „Quattroporte“ in schnell
gefahrenen Kurven
etwas zu stark, so da der Übergang von der Geradeausfahrt in eine Kurve etwas schwerfällig wirkt, aber die geringe Bauhöhe und die etwas stramme, jedoch
keineswegs harte Federung ergeb eine geringe Kurvenneigung, während die
Bodenhaftung der Hinterräder dank der DeDion-Achse hervorragend ist.
Vergleichstabelle
4 türige WagenMercedes 300 SE
(Test auto, motor
und sport)Jaguar Mk 10
4,2 LiterMaserati
,,Quattroporte”
0—100km/h
0—160 km/h
400 m mit steh. Start.
1 km mit steh. Start
Höchstgeschwindigkeit
Verbrauch ca.9,8 s
26,0s
—
30,4 s
203 km/h
—9,5 s
24,7s
16,5s
30,3 s
203 km/h
15,5—24 Liter
pro 100 km8,6 s
21,6s
16,0s
29,2 s
Ca. 225 km/h
—
Von den vier Wagen der 2türigen Gruppe haben zwei den gleichen
Motor: der Iso-Rivolta und der Gordon-Keeble. Für sie ist als
Serienausrüstung der Chevrolet Corvette- Motor, in der Ausführung
mit hydraulischen Ventilstößeln und einem Vierfachvergaser, mit
einer Leistung von 300 SAE-PS, vorgesehen. Diese beiden Wagen haben
auch insofern eine große Ähnlichkeit miteinander, als sie beide
eine DeDion-Hinterachse mit Schraubenfedern, Watt-Gestänge und
Salisbury-Differential besitzen, und in beiden Fallen die Karosserie
von Bertone entworfen wurde. Der Unterschied zwischen den zwei Wagen
besteht hauptsächlich nur darin, daß der Iso einen Plattformrahmen
mit aufgeschweißter Ganzstahlkarosserie hat, während die Struktur
des Gordon-Keeble aus einem Gitterrohrrahmen besteht, der eine
Kunststoffkarosserie trägt. Der englische Wagen ist auch etwas
kompakter; er ist im Radstand um 11 Zentimeter kürzer (2,59 m statt
2,70 m) und wiegt Ca. 120 kg weniger—1440kg mit halbvollem Tank.
Dementsprechend ist auch der Charakter der beiden Wagen: man hat im
Iso hinten noch gut Platz, während im Gordon-Keeble die Hintersitze nicht mehr ganz vollwertig sind. Dafür
fährt sich
ober der englische Wogen wesentlich sportlicher als der italienische:
seine Lenkung ist direkter, ober trotzdem erstaunlich leicht, und
der Wogen macht einem viel wendigeren Eindruck. Dazu trogen auch
die viel besseren Frontsitze bei, die jedes Hin- und Herrutschen
verhindern.
Trotz ihrer beachtlichen Fahrleistungen sind beide Wagon sehr ruhig
und gut gefedert, wenn auch lange nicht so welch wie ein Jaguar Mark
10 oder ein Mercedes 300 SE, und beide haben eine sehr gute
Straßenlage mit einem annähernd neutralen Kurvenverholten und sehr
geringer Kurvenneigung. Dank der DeDion-Achse gehört auch trotz der
hohen Motorleistung schon viel dazu, die Hinterräder, auch ohne das
auf Wunsch gelieferte Sperrdifferential, zum Durchdrehen zu bringen.
Beim Iso-Rivolta sind die Scheinwerfer der Wagenleistung bei weitem
nicht angepaßt, und der Wendekreis ist zu groß. in schnellen Autobahnkurven, die mit über 180 km/h
durchfahren werden können,
neigt der Gordon-Keeble etwas zum Schwimmen, wahrscheinlich wegen
seiner ziemlich schmalen Felgen, die in nächster Zeit durch breitere
ersetzt werden sollen.
Beide Wagen haben das gleiche, übrigens sehr gute
Warner-Viergonggetriebe, das mit dem Corvette- Motor serienmäßig
kommt, und die Hinterachsübersetzung von 2,88:1 für den Iso und
3,07:1 für den Gordon-Keeble ergeben, in beiden Fallen, mit den
jeweils verwendeten Reifen (1 85—15 Pirelli Cinturato bzw. 6.70—15
Avon Turbospeed) eine Geschwindigkeit von ca. 40 km/h pro 1000 U/min.
In nicht ganz exakt durchgeführten Messungen ermittelten wir für den
Iso eine Höchstgeschwindigkeit, die mit Bestimmtheit zwischen 210
und 215 km/h Iiegt. Der Gordon-Keeble war dank seinem geringeren Gewicht und seiner etwas kleineren Stirnflache ca.
5 km/h schneller. Beide Wagen haben vorn und hinten Scheibenbremsen;
im Iso werden sie durch einen einfachen Kreislauf mit Vakuum-Servo
betätigt; der Gordon-Keeble hat einen doppelten Kreislauf mit zwei
Vakuum-Aggregaten. Beide Wagen kommen mit einem elektrischen
Seitenfenstermechanismus, der Gordon-Keeble sogar mit Radio und
Sicherheitsgurten.
Im Iso-Rivolta wird auch eine sportlichere Version des
Corvette-Motors geliefert, die 340 SAE-PS leistet, keine
hydraulischen Stößel hat und lauter ist. Zu diesem Motor
der schneller läuft, passt eine kürzer Obersetzte Hinterachse von 3,31 :1.
Wir sind diese Ausführung nicht gefahren geben aber die für einen solchen Typ von ,,Autocar”
erzielten Werte zum Vergleich an.
Vergleichstabelle
2 türige WagenIso-Rivolta 300
Iso-Rivolta 340
(Test Autocar)Gordon-Keeble
GT
0—100km/h
0—160 km/h
400 m mit steh. Start.
1 km mit steh. Start
Höchstgeschwindigkeit
Verbrauch ca.8,5 s
20,5 s
15,8 s
29,1 s
210—215 km/h
16—24 Liter
pro 100 km8,3 s
18,6 s
15,9 s
—
228,5 km/h
17,7—25,7 Liter
pro 100 km
19,6 s
15,6 s
27,9 s
218 km/h
15—23 Liter
pro 100 km
Der Vollständigkeit halber sei
noch erwähnt daß vom Iso-Rivolta nunmehr auch eine 400 SAE-PS-Version
angeboten wird, deren durch vier Weber-Doppelvergaser gespeister
Corvette-Motor mit dem der Iso-Grifo Renn-Prototypen identisch ist.
Trotz seinem um 60 Millimeter längeren Radstand bietet der Ferrari
330 GT nicht mehr Platz als der Gordon-Keeble, hat aber noch gerade
akzeptable Fondsitze, wenn auch der Fußraum wegen der Konstruktion
des Fahrgestells ziemlich eng ist. Er bietet aber auf jeden Fall
mehr Lebensraum als der Aston-Martin DB 5, dessen hintere Sitze
wirklich nur als Notsitze aufzufassen sind, in denen Erwachsene
gerade noch sitzen können, ohne einen runden Buckel zu machen.
Eigenartigerweise haben diese zwei schnellsten der in Betracht
gezogenen Wagen eine hintere Starrachse, die allerdings durch
Längslenker — im Aston-Martin auch durch ein querliegendes
Wattgestänge — exakt geführt wird.

Aus Rennmaschinen abgeleitet sind die Motoren des
Ferrari 330 GT (links) und des Maserati Poste (unten).
Der 4 Liter
V12-Ferrari- Motor gibt 300 PS bei 6600 U/min, der 4,2 Liter
V8-Maserati--Motor 260 PS bei 5200 U/min ab.

Beide haben einen 4 Liter-Motor. Den Aston-Martin gibt es in zwei
Ausführungen: die normale mit 3 SU-Einfachvergasern und 282 DIN-PS
und das ,,Vantage”-Modell mit 3 Weber-Doppelvergasern,
Sportnockenwellen und 325 DIN-PS. Beide haben jetzt ein ZF-Fünfganggetriebe.
Der von uns getestete Wagen entsprach der Vantage-Ausführung, war
aber noch ein DB 4 ,,Vantage GT” mit 3,7 Litern, 314 DIN-PS und 4
Gängen. Der Unterschied zwischen den Fahrleistungen unseres
damaligen Testwagens und denen der heutigen Ausführung dürfte aber
gering sein, do das Gewicht inzwischen um ca. 100 kg gestiegen ist.
Von allen von uns getesteten Wagen ist der Aston-Martin der
schnellste gewesen: elektrisch gestoppt, erreichte er den
erstaunlichen Mittelwert von 278 km/h, den wir zuerst gar nicht
glauben wollten, der sich aber nach Überprüfung aller Geräte und
Nachmessen der Entfernung zwischen den Zellen als unanfechtbar
erwies. Verschiedene Handmessungen auf ungerechten Autobahn-Kilometern, wo der Anlauf nicht immer
ganz ausreichend gewesen war, hatten vorher angedeutet, daß der Wagen einer
Geschwindigkeit von mindestens 250 km/h fähig war. Alle diese
Messungen wurden mit DunIop-Rennreifen vorgenommen. Auf jeden Fail
erwies sich der Aston-Martin als noch schneller als der auf der gleichen Strecke und ebenfalls mit
Rennreifen elektrisch gemessene, sehr schnelle 3,8 Liter Jaguar E,
der 256 km/h lief, und viel schneller als ein Chevrolet Corvette mit
Einspritzung, mit dem wir 1963 eine Spitze von 229 km/h erreichten.
Mit einem anderen und anscheinend besseren Motor kam letzterer
allerdings später in den Händen unseres englischen Kollegen von
,,Motor” auf 236 km/h.
Für unsere Begriffe liegt ober der Ferrari 330 GT on der unteren
Grenze dessen, was man Fond-Passagieren zumuten kann, und ist somit
bei einer von uns gemessenen Höchstgeschwindigkeit von 234 km/h (für
einen Wagen, der nur 600 Kilometer gelaufen war und überhaupt keine
besondere Vorbereitung erfahren hatte) heute der schnellste
viersitzige Wagen. Seine äußerst sicheren Fahreigenschaften bleiben
auch bei voller Belastung unverändert, was beim Aston-Martin nicht
der Fall ist. Der Ferrari scheint harter gefedert und vor allem
strammer gedämpft zu sein als der Aston und vermittelt dem Fahrer ein
unerhört sicheres Gefühl, ohne jedoch etwa bei
Stadtgeschwindigkeiten unkomfortabel zu sein, wenn er auch auf
Steinpflaster ziemlich dröhnt. Alles trägt in diesem Wagen dazu bei,
den Insassen den Eindruck zu verleihen, sie hatten es mit einer
viersitzigen, für den Straßengebrauch angepaßten Rennmaschine zu
tun, während der Aston-Martin viel mehr den Charakter eines schnellen
Tourenwagens hat. Beide sind allerdings recht laut, aber der 12
Zylinder-Ferrari-Motor besitzt eine erstaunliche Elastizität; man
kann mit ihm auch unter 30 km/h fahren und sogar beschleunigen, ohne
daß er ruckt und spuckt, wahrend der Sechszylinder Aston im direkten
Gang nicht unter 40 zu fahren ist. Das bessere Drehmoment des
Ferrari-Motors im unteren Drehzahlbereich findet auch darin seinen
Ausdruck, daß er trotz seines um 70 kg höheren Gewichts bis 160
genauso schnell beschleunigt wie der DB 4 Vantage GT — und übrigens
auch praktisch ebenso schnell wie die leichteren Jaguar E und
Einspritz-Corvette, die beide reine Zweisitzer sind, und wesentlich
schneller als der ebenfalls zweisitzige 12 Zylinder Lamborghini. Mit
einer Belastung von zwei Personen, die allen unseren Werten
zugrunde liegt, erreichten diese Wogen 160 km/h in 15,9, 16,2 und (im
Falle des Lamborghini mit der jetzigen Übersetzung) ca. 18 Sekunden.
Bei höheren Geschwindigkeitenverliertallerdings der Ferrari dem
Jaguar und der Corvette gegenüber an Boden.
Vermutlich wegen seiner weicheren Federung fühlt sich der
Aston-Martin schwerer an als der nicht unerheblich größer Ferrari.
Dies hängt auch vielleicht damit zusammen, daß seine Zahnstangenlenkung direkter ist und eine viel stärkere
Rückstellwirkung hat, so daß sie bedeutend schwerer geht als die
allerdings für einen so schnellen Wagen doch etwas zu stark
untersetzte ZF-Lenkung des Ferrari, der übrigens einen unmöglich
großen Wendekreis hat.
Im Aston-Martin dürfte sich das jetzige Fünfgang-ZF-Getriebe (das
gleiche wie im Maserati) angenehmer schalten lassen als das in
unserem Testwogen eingeboute David Brown-Viergang-Getriebe, aber die
Verwendung eines Laycock-Overdrives als V. Gang konnte uns im
Ferrari nicht überzeugen. das Ferrari-Viergang-Getriebe mit Porsche-Synchronisierung
ist on sich sehr gut aber der durch einen getrennten Hebel unter dem
Lenkrad elektrisch geschaltete Overdrive ist schnellen
Schaltvorgängen in den V. Gang nicht gewachsen und neigt dabei zum
Rutschen. Gut ist ober, daß, wenn man bei eingeschaltetem Overdrive
mit dem normalen Getriebe in den III. Gang zurückschaltet, der
Overdrive endgültig ausgeschaltet wird, so daß beim nächsten Hin
aufschalten der direkte IV, Gang nicht übersprungen werden kann.
Vergleichstabelle
2 türige WagenFerrari 330 GT
Aston-Martin
DB4VantageGTAston-Martin
DB5
(Test ,,Motor”)
0—100km/h
0—160 km/h
0—200 km/h
400 m mit steh. Start.
1 km mit steh. Start
Höchstgeschwindigkeit
Verbrauch ca.7,0 s
16,3s
29,4 s
—
27,1 s
234 km/h
22—26 Liter
pro 100 km
7,2 s
16,4 s
26,4 s
15,0s
26,8 s
278 km/h
20—23,5 Liter
pro 100 km7,4 s
16,9 s
—
15,4s
—
234 km/h
13,2—23,5 Liter
pro 100 km
Beide Wagen haben ausgezeichnete, ihrer Leistung voll entsprechende
Scheibenbremsen mit doppeltem Kreislauf und zwei Servos. Von den
beiden Wagen hat der Ferrari den größeren Gepäckraum, der jedoch
für 4 Personen mit Ferrari-Ansprüchen doch ziemlich knapp ist. Er
kann jedoch besserausgenutzt werden als im Aston-Martin, wo wegen
des großen Überhanges schweres Gepäck am besten auf den hinteren
Sitzen Platz finden sollte.
Zum Vergleich geben wir auch die Fahrleistungen eines normalen 282
PS Aston-Martin DB 5 der heutigen Ausführung, der von ,,Motor”
getestet wurde, an. Dieser dürfte ruhiger und elastischer sein als
der GT, bleibt aber in seinen Fahrleistungen hinter diesem weit
zurück.
Solche schnellen Autos sind natürlich nicht billig, und es
wäre unfair, wenn der Preis in der Beurteilung der gebotenen
Leistung nicht in Betracht gezogen würde. Auffallend ist, daß er im
viel engeren Zusammenhang mit den Fahrleistungen steht als mit
irgendeiner anderen Eigenschaft der besprochenen Wagen, gleichgültig,
ob sie aus Deutschland, England oder Italien stammen, und ob ein
eigener oder ein fremder Motor eingebaut ist.
Zum Vergleich haben wir
den Preis der verschiedenen Wagen in ihrem Heimatland approximativ
in DM umgerechnet, wobei sich folgendes Bild ergibt (für englische
Wagen ist die Umsatzsteuer von Ca. 18%, die vom Inlandskäufer
bezahlt werden muß, im Preise inbegriffen):
| DM | |
| Jaguar Mark 10, 4,2 Mercedes-Benz 300 SE Iso-Rivolta 300 Maserati ,,Quattroporte” Gordon-Keeble GT Ferrari 330GT Aston-Martin DB4Vantage |
23,500.— 23,100.— 32,200.— 36,000.— 40,000.— 40,500.— 50,500.— |
Was die reinen Fahrleistungen anbetrifft, so ist wahrscheinlich die Zeit, die für den Kilometer mit stehendem Start benötigt wird, der aufschlußreichste Maßstab. Auf Grund dieser Zeit erhalten wir für die schnellsten viersitzigen Wagen von heute folgende Rangliste:
| Aston-Martin
Vantage Ferrari 330GT Gordon-Keeble GT Iso-Rivolta 300 (der Typ 340 würde vermutlich eine noch bessere Zeit erreichen) Maserati ,,Quattroporte” Jaguar Mk 10, 4,2 Mercedes 300 SE |
26,8 Sek. 27,1 Sek. 27,9 Sek. 29,1 Sek. 29,2 Sek. 30,3 Sek. 30,4 Sek. |
Daß die Reihenfolge fast genau umgekehrt lautet wie die am Anfang des Artikels aufgestellte Rangliste nach dem gebotenen Innenraum, ist sicher kein Zufall und bestätigt nur, daß das Beste aus zwei Welten kaum zu vereinbaren ist.

Gordon-Keeble (links) — ein in England unter
Verwendung des
Chevrolet-Corvette-Motors in kleinen Stückzahlen gebauter Hochleistungswagen
hervorragender Qualität. Unten die
schnellste von Europas
schnellen Limousinen, der Aston-Martin DB4
bzw. 5 in seiner
GT- Version, von allen beschriebenen Wagen der sportlichste, aber
auch
jener, der vorn Komfort her die meisten Konzessionen verlangt.

MOTOR REVUE