330 GT Registry

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WACHGEKÜSST
FERRARI 330 AMERICA

Dies ist die ungewöhnliche Geschichte eines Ferrari 330 America, der nach mehr als 40 Jahren Standzeit von einem Berliner Restauratoren-Paar wieder zum Leben erweckt wurde. Sein mit viel Patina erhaltener Originalzustand erzählt von einem eher Autoleben, das schließlich doch einen glücklichen Ausgang nahm.

TEXT & FOTOS: MARKUS SIEBENMORGEN
ZUSÄTZLICHE FOTOS VON DEBORAH WILSON, BEETZ & BEETZ KLASSIK
UND SUSANNE DOBLER/CLASSIC DAYS

Konserviert statt
restauriert : Selbst
Reste von Aufklebern,
die frühere
Besitzer an dem 330
America angebracht
hatten, sind als Zeitdokumente
erhalten geblieben.

Ein Ferrari 330 America ist nicht gerade ein seltener Anblick, wenn man bedenkt, dass am Ende des Jahres 1963 innerhalb weniger Wochen nur 50 Exemplare davon gebaut wurden. Das liegt aber in erster Linie daran, dass das Übergangsmodell zu einer neuen Modellgeneration die Karosserie des 250 GTE 2+2 quasi unverändert übernahm und deshalb oft mit diesem verwechselt wird. Auf den ersten Blick erkennt man nicht, dass unter der Haube ein neuer, nun vier Liter großer und 300 PS starker V12 vom Typ 209 schlummert – das Triebwerk für den Nachfolger des 250 GTE, den 330 GT 2+2, der der Presse aber erst am 11. Januar 1964 in Maranello präsentiert werden sollte.

BIGGER IS MORE BEAUTIFUL

Der 330 America trug seinen Namen nicht umsonst, denn die Initiative zu diesem Interimsmodell ging vom amerikanischen Ferrari-Importeur Luigi Chinetti aus. Folglich wurden fast alle Fahrzeuge über Luigi Chinetti Motors in den Vereinigten Staaten verkauft. So auch das dritte Exemplar der Baureihe mit der Fahrgestellnummer 4973 GT.

An wen genau Chinetti den rot lackierten Wagen mit schwarzer Lederausstattung Ende 1963 auslieferte, ist leider nicht bekannt. Der Erstbesitzer lebte vermutlich in Kalifornien und verkaufte den 330 America später an seinen zweiten Halter in South Carolina. 1974 erhielt Deborah Wilson aus Alabama das Auto als Geschenk von ihrem Ehemann. Sie verlor jedoch schnell das Interesse an dem Wagen und stellte ihn wenig später in einem offenen Carport ab. Rund 17.000 Meilen hatte er bis dahin zurückgelegt. Zwischen Brettern, alten Fahrrädern und Gartenmöbeln überließ sie den Ferrari dort seinem Schicksal – und mit ihm einige weitere wertvolle Sportwagen, darunter einen Maserati 3500 GT.

"FÜR UNS SIND
AUTOS KULTUR-
GÜTER, OBJEKT
GEWORDENES
INDUSTRIE-
DESIGN, ZEUGEN
DER GESELL
-
SCHAFTS-
GESCHICHTE."

MATHIAS BEETZ

 

Erster Auftritt in
Europa: Im März
2013 präsentierte
Beetz & Beetz Klassik
den Scheunenfund
auf der Retro
Classics in Stuttgart.

LUKRATIVE ANGEBOTE

Als nach Enzo Ferraris Tod Ende der achtziger Jahre die Ferrari-Preise in die Höhe schossen, bot der frühere Basketball-Star Julius Erving stolze 160.000 Dollar für den Ferrari. Deborah Wilson schlug das Angebot jedoch aus, weil Erving freimütig erklärte, den 330 America als Basis für den Nachbau eines 250 Testa Rossa verwenden zu wollen. Selbiges war 1981 bereits dem 15. Exemplar der Baureihe mit der Fahrgestellnummer 5005GT widerfahren, und der 330 America mit der Fahrgestellnummer 5059GT wurde – ebenfalls in den achtziger Jahren – zu einer rechtsgelenkten 330 GTO-Replika umgebaut.

Kurioserweise existierte in Großbritannien bereits eine weitere Testa-Rossa-Replika mit derselben Fahrgestellnummer wie Deborah Wilsons Coupé in Alabama. Der Besitzer dieses zweifelhaften Nachbaus meldete sich damals ebenfalls bei ihr – vermutlich um seine Replika nun auf eine authentische Basis zu stellen. „Ich bereue es nicht, viel Geld verloren zu haben“, erklärte Deborah Wilson im Rückblick auf diese lukrativen Angebote, die sie allesamt ablehnte, um ihrem Ferrari ein unrühmliches Ende zu ersparen.

LANGER DORNRÖSCHENSCHLAF

Doch so großartig ihre Standhaftigkeit aus Sicht eines Ferrari-Enthusiasten war, so bedauerlich war ihre Alternative. Denn sie ließ den Wagen in seinem Unterstand und setzte ihn dort dreizehn weitere Jahre Wind und Wetter aus. Erst als sie Geld für das Studium ihrer Kinder benötigte, war sie 2003 schließlich bereit, den inzwischen stark mitgenommenen, aber vollständig und original erhaltenen Wagen für 35.000 Dollar in gute Hände abzugeben.

Im August 2003 erwarb ein unbekannter Käufer den Ferrari zu diesem Preis und brachte ihn wieder nach Kalifornien. In den folgenden Jahren ging der Wagen dann durch mehrere Hände und wurde von einem Händler sogar zweimal erfolglos auf Ebay angeboten. 95.000 Dollar sollte das noch immer als „unrestaurierter Scheunenfund“ deklarierte Coupé zuletzt im Jahr 2010 kosten.

Nachdem sich in den USA auch nach Jahren kein Käufer für den 330 America finden ließ, kam der Wagen schließlich nach Europa. Im März 2013 tauchte das Fahrzeug auf der Retro Classics in Stuttgart wieder auf. Dort stellten die Berliner Automobil-Restauratoren Maud und Mathias Beetz den seit seiner Wiederentdeckung 2003 nur grob gereinigten Wagen an ihrem Messestand aus.

Die neuen Eigentümer unterzogen den Ferrari einer gründlichen Inspektion – und entschieden sich gegen eine Restaurierung.

Die auch nach über 40-jähriger Standzeit immer noch bemerkenswert gute Substanz bewog sie, das Fahrzeug mit seiner einmaligen Patina zu erhalten. „Als wir erfuhren, dass der 330 America noch nie nachlackiert wurde, sahen wir die Chance, das Fahrzeug in seinem würdigen Alter erstrahlen zu lassen. Daraus entstand ein Projekt, das uns viel Freude gemacht hat“, sagt Maud Beetz.

Äußerlich ist der 330
America nicht vom
250 GTE zu unterscheiden
(oben) Wie
die meist en Exemplare
der Baureihe
wurde auch 4973 GT
in den USA verkauft.
Das Prüfzertifikat
erinnert bis heute an
den zweiten Besitzer
in South Carolina
(links).
Stolze Concours-Gewinner:
Bei den Classic
Days 2019 erhielten
Maud und
Mathias Beetz für
den unberührten
Originalzustand ihres
Ferrari einen
Sonderpreis.

PATINIERT KONSERVIERT

Der Wagen wurde innerhalb von anderthalb Jahren zerlegt, gereinigt und konserviert. Sein Interieur wurde aufgearbeitet, Verschleißteile überarbeitet oder, sofern erforderlich, erneuert. Der Erstlack konnte zu 95 Prozent erhalten werden – sogar die Reste von einstmals am Wagen angebrachten Aufklebern sind weiterhin sichtbar.

Bei den Classic Days auf Schloss Dyck im vergangenen August gehörte der einzigartige Ferrari zu den Highlights und wurde im Concours mit dem Sonderpreis als „Worlds Most Pristine Masterpiece“ ausgezeichnet. „Für uns sind in die Jahre gekommenen Autos mehr als nur altes Blech. Sie sind Kulturgüter, Objekt gewordenes Industriedesign, Zeugen der Gesellschaftsgeschichte,“ erläutert Mathias Beetz die Philosophie der Restauratoren. „Die Auszeichnung durch die Jury bei den ‚Masterpieces‘ auf Schloss Dyck hat uns darin bestätigt. Darüber freuen wir uns sehr.“

Und Ferraristi freuen sich mit ihnen, dass einer der seltenen 330 America nach einer wechselvollen Geschichte für die Nachwelt erhalten wurde.

© HEEL Verlag 2020